Es bleibt offen, wie sich der arabische Frühling weiter entwickeln wird. Alte Kräfteverhältnisse entladen sich in neuer Gewalt, aber auch neuartige Formen demokratischer Öffentlichkeit sind nicht mehr zurückzudrehen. Viel wird von der jungen Generation abhängen, die in den unterschiedlichen Ländern für mehr Mitsprache Recht und Selbstbestimmung auf die Straße gegangen ist. Während es die jungen Menschen waren, die den Sturz von Diktatoren basisdemokratisch herbeigeführt haben, besetzen nun wieder Vertreter der Vätergeneration die neuen Ämter. Mit der Hilfe bestehender Gruppierungen wie den Muslimbrüdern in Ägypten, scheinen die Väter die Macht erfolgreich neu zu organisieren. Wie verhalten sich dazu die politischen Akteure aus der Frauen- und Menschenrechtsbewegung, aus Minderheiten und der Demokratiebewegung? Welche Sprachrohre stehen ihnen jenseits der politischen Bühne zur Verfügung: in Kunst, Kultur und den digitalen Medien? Welche Räume der Zivilgesellschaft werden zu Schauplätzen des erneuten Widerstands und welche neuen Konfliktlinien treten in Erscheinung? Wie werden Visionen von einer demokratischeren Gesellschaft und die Realitäten kultureller wie religiöser Viefalt trotz massiver Restriktionen weiter transportiert? Und mit welchen Gegenkräften müssen diese Bewegungen heute rechnen? Es diskutieren: Prof. Dr. John Borneman (Princeton University, USA), der sich als Ethnologe auf politische Umstürze von autokratischen Systemen spezialisiert hat und – nach Forschungen über die deutsche Wiedervereinigung – über männliche Generationsbeziehungen in Syrien geforscht hat; Herr Mohammed El Boukili (Rabat), Vorstandsmitglied der "Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte", der über Möglichkeiten und Probleme einer Zivilgesellschaft im Umbruch sprechen wird; Frau Rula Assad ist eine Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Syrien. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen hat sie sich seit 2007 um Menschen gekümmert, die aufgrund einer jahrelang anhaltenden Dürre ihre Dörfer verlassen und in Camps leben mussten. Dies ist auch Teil der Geschichte der Revolte dort, von der sie auch berichten wird. Frau Lina Ben Mhenni (Tunis), Bloggerin der Jasmin-Revolution und Linguistik-Professorin in Tunis, die die Generationsdynamik während und nach der Revolution in Tunesien schildern und neue wie alte Formen von Öffentlichkeit und politischer Machtausübung kommentieren wird. Dr. Ibrahim El Nur (American University, Cairo), der sich als Politologe mit transnationalen Migrationsprozessen in und aus Nordafrika beschäftigt und die längerfristigen, postkolonialen Veränderungen im Sudan und im Mittleren Osten analysiert.
Moderation: Dr. Kersten Knipp
Eine Veranstaltung der VAD (Vereinigung für Afrikawissenschaften in Deutschland e.V.) in Kooperation mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, der Heinrich-Barth-Gesellschaft und dem Heinrich-Barth-Institut. Mit freundlicher Unterstützung durch die Fritz Thyssen Stiftung. Eintritt: 5 Euro/3 Euro; Karten an der Abendkasse | Reservierung unter: 0221-221 31 356 oder rjm@stadt-koeln.de (Karten sind max. 15 Min. vor Veranstaltungsbeginn reserviert.)
Es begann mit einer erschreckenden Einzelaktion: Im tunesischen Sidi Bou Sid verbrennt sich im Dezember 2010 Mohamed Bouazizi aus Wut und Verzweiflung über die Grausamkeit des Machtapparats und seine aussichtslose Lebenssituation. Die Bedingungen und Gefühle, die ihn trieben, werden global geteilt, und so konnte die Einzelaktion in Tunesien und in weiteren Ländern Volksaufstände hervorrufen, die mehrere Regierungen zu Fall brachten. Es dauerte nicht lange, da erreichten die Forderungen nach Teilhabe und Transparenz, aus der Peripherie der Wohlstandswelt kommend, auch als wohlhabend geltende Länder wie Israel, Spanien und zuletzt sogar die USA. Schon mit der Revolution in Ägypten wurde eine überraschende und neue politische Kultur geboren: Nicht allein, dass Neue Medien und Mobilfunktechnologie eine wichtige Rolle spielten, sondern die Revolutionäre aller Couleur setzten sich auf dem zentralen Tahrir Platz in Kairo fest und formten ihn zu einer hoch politisierten basisdemokratischen Gegenwelt zur bestehenden Diktatur. Dieses Modell fand schnell Widerhall in weltweiten Platzbesetzungen, die "Revolution" als unideologischen Begriff verstehen möchten. Die zentralen Forderungen an die Mächtigen nach Teilhabe und Transparenz sollten auf den Plätzen real umgesetzt werden. Als schließlich der Zuccotti Park in New York unter dem Begriff "Occupy Wall Street" besetzt wurde, war auch ein Begriff für die neue Bewegung geboren. Was zuvor als "Arabischer Frühling" und als "Arabellion" regional begrenzt schien, wurde nun zur weltweiten "Occupy-Bewegung". Welche Symbolkraft strahlen diese Plätze aus, dass sie in ganz verschiedenen Kulturen zu den Orten werden, an denen sich politische Zukunft entscheidet? Woher dieses enorme Potenzial des am Gemeinwohl orientierten Handelns wo eine fast ungehinderte zwanzigjährige Dominanz neoliberalen Denkens genau dies zu desavouieren sucht? Ist dieses neue politische Ethos in lokalen Traditionen verankert oder eine positive Globalisierungsfolge? Was kann die im Westen in bürokratischem Parlamentarismus erstarrte Demokratie daraus lernen? Diese und andere Fragen sollen in einer Veranstaltung, die mehr einer Asamblea als einer Podiumsdiskussion ähnelt, debattiert werden.
Diskutanten:
Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 nahe Kairo, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz und zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Seine Autobiographie "Mein Abschied vom Himmel" sorgte für Aufsehen, weitere seiner Titel sind "Der Untergang der islamischen Welt" oder "Krieg oder Frieden". (nach der Verlagsinformation)
Dozent am Department of Communication der Universität Tel Aviv, sein zentrales wissenschaftliches Thema ist die Theorie von Sprache als Kommunikationstechnologie. Er ist einer der führenden Aktivisten der sozialen Proteste, die im Juli 2011 in Tel Aviv begannen und zur Besetzung des Rothschild Boulevards führten, inspiriert von den Platzbesetzungen im arabischen Frühling und in Spanien sowie als Vorläufer der internationalen Occupy Bewegung. Mit über 300.000 Teilnehmern ging daraus eine Demonstration hervor, die fast 5% der israelischen Bevölkerung aus allen Schichten auf die Straße brachte.
Student der Gegenwartsgeschichte an der Universitat Autònoma de Barcelona, wo er über linke Parteien und die Arbeiterbewegung forscht. Er ist Herausgeber der Zeitschrift "La Hiedra" (Der Efeu), die sich mit politischen und sozialen Analysen befasst. Er war in der spanischen 15M Bewegung aktiv, die mit massiven Platzbesetzungen im Frühjahr 2011 den stärksten Anstoß für die internationale Occupy Bewegung außerhalb der arabischen Welt gegeben hat. Joel Sans hat über die Erfahrungen in und mit der Bewegung in diversen Artikeln geschrieben.
Veranstaltet in Zusammenarbeit von: Rautenstrauch-Joest-Museum, Heinrich-Barth-Institut e.V., Heinrich Barth Gesellschaft e.V., Stimmen Afrikas und Occupy Cologne
Mit finanzieller Unterstüzung der Heinrich-Barth-Gesellschaft wurde eine CD mit Musik der Dogon produziert. Der Hörende erlebt zwischen Gesängen, Trommelmusik, Lauten- und Flötenklängen eine ganze Welt fremder Klänge.
Die CD kann bezogen werden über das Präsidium der HBG;
Preis: 20 €, zzgl. Versandkosten.
Der plötzliche Tod von Jürgen und Daphne Schmidt durch den Terroranschlag am 26. November 2008 in Bombay hat uns tief getroffen. Mit dem Heinrich-Barth-Kurier 1-09 versuchen wir, Abschied zu nehmen.
Rudolph Kuper erinnert sich in einem persönlichen Nachruf.
Viele Freunde von Jürgen Schmidt widmen ihm im Kurier "in memoriam" nochmals einen Beitrag: Tilman Lenssen-Erz berichtet über die aktuelle universitäre Entwicklung der Afrika-Studien in Köln, Friederike Jesse schreibt über die sensationellen Ergebnisse ihrer Forschungskampagne im Wadi Howar im Sudan.
Der Kunst und Kultur Afrikas und der archäologischen Erforschung der Geschichte dieses Kontinents galt Jürgen Schmidts Neugier – gespeist von seiner und Daphnes Leidenschaft für die Unendlichkeit der Wüste.
Ein Anruf der Deutschen Botschaft in Bamako brachte nach fast einem dreiviertel Jahr der vergeblichen Kontaktsuche zum Heinrich-Barth-Haus in Timbuktu die Gewissheit, dass es mit dem Haus und seiner Ausstellung zu Barth auch nach dem Tod des Besitzers Alphadi Haidari vernünftig weitergehen wird: Auf Anregung der HBG-Mitglieder Henner und Barbara Papendieck besuchte der deutsche Botschafter Dr. Schwarzer Ende März das Heinrich-Barth-Haus und sagte Unterstützung bei der Renovierung der beiden Barth-Räume zu. Die HBG wurde um einen finanziellen Beitrag gebeten, der gerne zugesagt wurde, da für dieses Projekt seit einem Jahr Gelder reserviert waren.
Das von HBG und der Jutta-Vogel-Stiftung geförderte Projekt zur Rettung und zur Ausstattung des Heinrich-Barth-Hauses in Agadez im Niger hat im frühen Sommer 2007 mit ersten kleinen Baumaßnahmen beginnen können. Mit Hilfe der in Agadez und dem angrenzenden Air-Gebirge tätigen Nichtregierungsorganisationen "HED-Tamat" war es vorher gelungen, dem Besitzer des Heinrich-Barth-Hauses, Moulti Igdas, der ein Enkel von Barths Führer bei dessen Besuch in Agadez 1954 war, vom Sinn dieser Maßnahme zu überzeugen und zur Kooperation zu bewegen. Aktiv dazu beigetragen haben unsere Mitglieder Christine Harth (CARE Deutschland-Luxemburg), Jutta Vogel, Köln, (Jutta-Vogel-Stiftung) und Julia Winckler (Projekt "Retracing Heinrich Barth" in Brighton, Großbrittanien), die bei mehreren Aufenthalten in Agadez stets auch einen Besuch bei dem hochbetagten Herrn Igdas machten und für dieses Projekt warben.
Die Arbeiten am Heinrich-Barth-Haus sind zwischenzeitlich wieder aufgenommen worden.
Einen sehr informativen und lesenswerten Artikel zu Heinrich Barth hat Peter Kremer verfasst und in dem Online-Lexikon Wikipedia veröffentlicht; illustriert mit Bildern und abgerundet mit weiterführender Literatur können Sie auf diesem Weg Heinrich Barth kennenlernen.
Julia Winckler, Mitglied unserer Gesellschaft, hat in Zusammenarbeit mit der Universität Brighton eine faszinierende Multimediapräsentation zu Heinrich Barth veröffentlicht: Das Projekt "Retracing Heinrich Barth" folgt Heinrich Barth bei seinem Besuch in West-Afrika und zeigt die Geheimnisse rund um seinen Aufenthalt in Film und Video, in Form einer interaktiven Website, begleitet von einer Fotoausstellung. Es zeigt anthropologische und historische Forschungsergebnisse sowie persönliche Reiseaufzeichnungen Heinrich Barths.
Mitglieder der Heinrich-Barth-Gesellschaft haben weiterhin die Möglichkeit, am Ende jeder Seite eigenes Bildmaterial zu veröffentlichen. Ihre persönlichen Reiseeindrücke können hier einen Platz finden. Sie können uns Ihre Fotos, idealerweise in digitalisierter Form, via eMail zusenden; die Dateigröße sollte allerdings etwa 200 kb nicht überschreiten.
Wir freuen uns auf Ihre Augen-Blicke.
Fotos: Jürgen Schmidt