
Lebenswege kreuzen sich, man entdeckt Gemeinsamkeiten, geht ein Stück miteinander, fühlt sich verbunden, findet einen Freund und merkt erst am Ende, wie wenig man voreinander weiß.
Es war irgendwann Ende der neunziger Jahre, dass wir uns im Institut in der Jennerstraße trafen, wohin ihn der Name Heinrich Barth geführt hatte, auf dessen Spuren er bei seinen Afrika-Reisen gestoßen war und dem seine große Bewunderung galt. Wir lernten uns kennen. Ein unternehmungslustiger Nobelmann, kultiviert und feinfühlig, charmant und humorvoll und stets an einem ernsthaften Gespräch interessiert. Dass er pensionierter Oberstleutnant der Luftwaffe war, mochte zunächst keiner glauben. Er wurde Mitglied der Heinrich-Barth-Gesellschaft, suchte aber bald nach aktiver Betätigung und fand sie über das Heinrich-Barth-Institut im Rahmen der Feldforschungen des an der Kölner Universität neu gegründeten Sonderforschungsbereichs ACACIA. Dank der großzügigen, kreativen Spielräume, die die DFG bei der Realisierung solch ungewöhnlicher Projekte gewährt, war es möglich, ihn und seine Fähigkeiten für die archäologischen Projekte in der Westlichen Wüste Ägyptens einzusetzen. Etwas nonchalant mal als Koch, mal als Fotograf in den obligatorischen Security-Papieren deklariert – eine Diskrepanz, die sogar dem ägyptischen Geheimdienst auffiel –, spielte er seine Rolle als Senior-Mädchen-für-alles unter einer durchweg jugendlichen Forschungsmannschaft so hervorragend, dass jeder gerne Arbeit und Abende in der Wüste mit ihm teilte. Als ich ihn einmal fragte, wie er es denn geschafft habe, seine Lebenshaltung mit den Prinzipien des Militärs zu vereinbaren, meinte er: "Es gibt dort ja auch den flexiblen Gehorsam."
Im Jahr 2000 zunächst im Gilf Kebir und dann bei den Forschungen um Djara stellte er seine persönliche Flexibilität und technischen Fähigkeiten vielfältig unter Beweis. Mehr noch, als er vor einer erneuten Djara-Fahrt im Oktober 2001 den neu gewonnenen Mercedes-Geländewagen des Heinrich-Barth-Instituts nach Ägypten überführte und dabei statt der gemeinsam mit seiner Frau Daphne erhofften mediterranen Urlaubstage in Alexandria eine Woche deprimierender Verhandlungen im Dschungel der Chaosbürokratie ägyptischer Zollbehörden über sich ergehen lassen musste. Wenig später konnten beide schon wieder herzhaft darüber lachen. In Daphne fand Jürgens Weltoffenheit eine Partnerin, deren Schwung und Lebensmut jedem Hochachtung abnötigte, der sie nach ihrer schweren Krankheit auf der HBG-Reise nach Mali im November 2004 erleben durfte.
Seit 2001 war Jürgen Schmidt Schatzmeister und Schriftführer der Heinrich-Barth-Gesellschaft und damit der Garant für eine funktionierende Vereinsstruktur und stets zu Stelle, wenn er gebraucht wurde. Die Lücke, die er hinterlässt, wird schwer zu schließen sein. Schwerer noch die unter Freunden, die es schmerzt, nicht mehr Zeit füreinander gehabt zu haben.
Die Nachricht vom Tod der beiden durch das schreckliche Attentat in Bombay erreichte mich durch einen Anruf auf der Straße in Dachla, mitten im Leben. Mitten aus dem Leben wurden sie herausgerissen, dort, wo Daphnes Lebensweg als Tochter eines britischen Offiziers seinen Ausgang genommen hatte – aus einem Leben, wie beide es liebten und das ihnen hoffentlich gerade etwas Freude und Zufriedenheit bescherte.